Sonntag, 22. Oktober 2017

Mit Horrorszenarien wider dem Fortschritt

Entschuldigt bitte die nun folgende wall of text, aber wie das nunmal so ist bei Themen, die einem am Herzen liegen, es fällt einem schwer, es herunterzubrechen.

Ich war am vorvergangenen Wochenende mal wieder im Kino. Diesmal war der Film The Circle Objekt der Begierde. Leider eine mehr als trügerische Begierde. Ich wusste, dass ich mich auf einen technologiekritischen Film einließ und ich gegebenenfalls mit Darstellungen konfrontiert werden würde, die mir als sehr technologiefreundlich gesinnten Menschen sauer aufstoßen würden. Was ich jedoch dann zu sehen bekam, war keine Technologiekritik, es war Technologiefeindlichkeit.

via: thecircle.movie


Den Rahmen der Handlung bietet der fiktive Technologiekonzern The Circle, der in deinem Auftreten  insbesondere an Apple (Produktdesign, Personenkult um den Gründer, Apple Park) und Facebook (soziales Netzwerk, Datensammlung) erinnert. Mae, ein vollkommen unreflektiertes und naives Dummchen, fängt in dieser Firma an und wird über die Zeit zu einer Extremistin, wenn es darum geht invasiv in die privaten Daten der Nutzer einzugreifen und sie zur Nutzung des Netzwerks zu zwingen. Der Film möchte eine Dystopie sein und zeigen wie weit Internetgiganten gehen könnten, wenn sie zukünftig Wahlen überwachen und kontrollieren würden und überall im öffentlichen und privaten Raum Videoaufnahmen ohne die Zustimmung der gefilmten Personen angefertigt könnten. Die Prämisse der freiwilligen Partizipation wird weggewischt und Mae und The Circle möchten die Mitgliedschaft im Netzwerk obligat machen, um ihre Macht zu vervollkommnen

Doch was ist das Problem an dystopischen Filmen? Es gibt schließlich auch Politikthriller, Ärzteserien und Copfilme, in denen über korrumpierte Systeme sinniert wird, die meist auch völlig aus der Luft gegriffen werden; warum sollte das bei technologischem Fortschritt tabu sein? Zu allererst: ist es nicht. Der Film macht allerdings einige Fehler, die er aufgrund seiner enormen Reichweite besser beiseite gelassen hätte.

Zunächst: Die Digitalisierung ist die größte Chance der heutigen Generation der Menschheit und wird das Leben der noch kommenden Generationen nachhaltig beeinflussen. Die Erfindung des Internets ist gleichzusetzen mit der der Dampfmaschine; es ist eine industrielle Revolution ohne Umkehr. Die Digitalisierung bietet uns Chancen der Krankheitsprävention, Diagnostik, Hungerbekämpfung, Forschung im Life Science-Bereich und Kommunikation, die sich unsere Vorfahren niemals auch nur erträumt hätten. Das weitere Fortschreiten dieser Technologie ist jedoch eminent abhängig von der Akzeptanz der Bevölkerung. Nur wenn die Menschen dieser Schlüsseltechnologie vertrauen, werden sie es zulassen, dass in Zukunft künstliche Intelligenzen Auto fahren, diagnostizieren, programmieren, auswerten, entwerfen und unsere Entscheidungen sogar prüfen. Alles das werden hoch entwickelte, selbst lernende neuronale Netze bald besser können als wir und wir dürfen es nicht verschlafen dies zuzulassen, da nur dies dauerhaft zu Wohlstand und Bildung aller Menschen führen kann. Der Hunger und die Armut gehen seit Jahrzehnten dank der Arbeit von Millionen von karitativ arbeitenden Menschen zurück. Eine technologische Revolution in Form einer KI könnte den Prozess exponentiell steigern. (Ich empfehle diesbezüglich sowohl Zweiflern als auch Verfechtern das Buch The Singularity is near vom amerikanischen Zukunftforscher Ray Kurzweil.)

CRISPR/Cas 9, eine Zukunftstechnologie, die zukünftig Millionen von Menschen das
Leben retten wird. Ohne die Sammlung und Auswertung von Patientendaten unmöglich.
via: jax.org


Was sind nun die Probleme an The Circle? (Spoiler)

1. Es zeigt nur Extreme
Jene, die an Zukunftstechnologien glauben sind durch die Bank weg Extremisten. Sie wollen den absolut gläsernen Bürger und jeden dazu zwingen in dem Netzwerk Mitglied zu werden. Die Kritiker wiederum sind Hinterwäldler und absolute Feinde jeglicher Digitalisierung. Es ist ein reiner Konflikt 0 gegen 1. Das suggeriert, man müsse sich für eine Seite entscheiden, es gebe kein Dazwischen.

2. Positive Seiten der Zukunftstechnologien werden ausschließlich von den "Bösen" geäußert
Klar, der Film betont auch, dass Digitalisierung und Transparenz der Bekämpfung von Krankheiten, Hunger und Ungerechtigkeit auf der Welt helfen kann, diese Vorzüge werden aber nur von den korrumpierten Digitalfanatikern geäußert. Es gibt keine neutralen oder nicht extremistischen Pro-Stimmen.

3. Das Ende ist die Dystopie
Das Ende zeigt eine unendlich transparente Welt, in der niemand den Kameras des Circle entkommen kann und stellt dies als alternativlose, zu akzeptierende Zukunft dar. Dass auch in einer voll digitalisierten Welt Rückzugsorte und Privatsphäre existieren können (ja müssen) scheint bei der Auflösung absurd. Es ist unausweichlich, dass in Zukunft nicht mehr Regierungen bestimmen wie wir leben, sondern das Kollektiv an digitalen Zuschauern und ein Weltkonzern, der alle Daten sammelt.


Fazit: Dieser Film könnte die Akzeptanz von Digitalisierung und indirekt auch künstlichen Intelligenzen um jähre zurückwerfen. Besonders unbedarfte Zuschauer, die allem digitalen zunächst skeptisch und ängstlich gegenüberstehen, werden hier in ihrer revisionistischen Weltsicht bestätigt oder es entwickelt sich diese erst. Nicht zu Unrecht schrieb die Süddeutsche The Circle sei "1984 für Dumme".  Zum Glück ist dieser technologiefeindliche Mist kein Kassenschlager. 

Zur Beruhigung empfehle ich bei den noch milden Temperaturen einen leichten Trollinger halbtrocken aus dem Württemberger Land. Perfekt zu Geflügel oder geschmortem Gemüse.